Angedacht

Gedanken zu den Osterfeiertagen

Gedanken

Liebe Leserinnen und Leser!

Hier finden Sie die Andachten zu Ostern, wir beginnen mit der Andacht zum Gründonnerstag, den 09.April 2020

 

Angedacht – zum Gründonnerstag 2020 (9. April 2020)

Das ist bitter, unbegreiflich, versetzt einen Stich in die Magengegend, lässt Tränen aufsteigen und wirkt oft lange nach. Ein Wort, ein Blick oder eben kein Wort, kein Blick, wenn Unterstützung so nötig gewesen wäre. Unsere Erfahrungen mit Freundschaften sind nicht rosarot, wie der Einband mancher Freundschaftsbücher, und sie sind auch nicht geprägt von Treueschwüren, zärtlich und zuverlässig, wie auf Postkarten und Becheraufschriften zu lesen ist: „Friends forever“ – „Freunde für immer“. Was nützen wortreiche Entschuldigungen, teure Geschenke, wenn im entscheidenden Moment die Freundin den Mund nicht aufbekommt oder der Freund den Mund aufgerissen hat, eine billige Ausrede wählte, statt einer ehrlichen Antwort, die Freundschaft nicht getragen, nicht vor dem Alleine-Dastehen bewahrt, sich nicht bewährt hat?

Gerade wenn viele sich von einem abwenden, die gerade erst noch begeistert waren, gejubelt haben, brauchen wir die, die dann trotzdem noch bei uns sind, die versuchen zu verstehen, was uns umtreibt, was wir tun und denken, auch wenn es vielleicht gerade für alle anderen unerklärlich ist. Aber was ist dann wahre Freundschaft? Empfindet der andere es als Freundschaftsdienst, wenn ich meine Zweifel, meine Sorge um sie laut und ehrlich ausspreche? Manchmal sind wir uns doch auch selbst in solchen Momenten fremd. Es sind ja nicht nur die anderen, die uns verletzen. Auch wir sind nicht die perfekten Freundinnen und Freunde! Wir tun und sagen etwas, das verletzt, manchmal sogar Freundschaften verrät, wir unterlassen, schweigen, statt zu unseren Freunden zu stehen.

Vorher hätten wir immer gesagt: „Ich doch nicht!“ und es uns selbst nicht zugetraut! Aber in der entscheidenden Situation fehlt uns dann der Mut, sind wir vielleicht selbst verunsichert, verstehen den anderen nicht, sind enttäuscht. Und wir reagieren so, dass wir uns hinterher nur schämen, dem anderen und uns selbst nicht mehr in die Augen sehen können. „Ich doch nicht!“ Das hätte jeder der Jünger Jesu um den Tisch sofort gesagt, unterschrieben. Was haben sie vorher immer wieder beschworen, wie wichtig ihnen ihre Freundschaft zu Jesus ist, was haben sie nicht alles dafür aufgegeben, um mit ihm durch die Gegend zu ziehen: ihre Familien, ihre Freunde, ihren Beruf, ihre Lebenssicherheit. Sie haben viel miteinander erlebt, haben sich in ihrer Unterschiedlichkeit aneinander gerieben, sich gestritten, waren eifersüchtig aufeinander. Doch sie sind zusammengewachsen, haben sich Geheimnisse anvertraut, sind zu Freunden fürs Leben geworden – und Jesus war ihr wichtigster Freund! „Friends forever“ – das war sein Versprechen an sie!

Und nun? Als es darauf ankommt, wird der eine zum Verräter, wohl weil er sich von seinem Freund etwas anderes erhofft hatte. Wer hat sein Misstrauen geschürt? Wann ist es zum Bruch gekommen, dass er sich mit seinen Fragen und Zweifeln nicht mehr an den Freund wandte, um Missverständnisse auszuräumen? Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren, das kostet Kraft und Zeit. Hatten sie keine Energie mehr oder einfach keinen Moment für sich, weil so viel um sie herum passierte, sie so durch andere gefordert waren? Als Jesus sie darauf anspricht, wiesen sie es lautstark von sich. Gerade Petrus bekräftigt seine Zuverlässigkeit besonders – und erkennt sich Stunden später nicht wieder. Auch die anderen, die Jesus alle mit sich in den Garten Gethsemane zum Beten nimmt, schlafen ein, können nicht einmal wach bleiben und für ihn da sein. Jesus selbst hat in den Stunden und Tagen, die wir heute Gründonnerstag und Karfreitag nennen, erleben müssen, wie es ist, so von seinen Freunden verraten, verlassen und verleugnet zu werden. Dabei hatten sie gerade eben noch wie eine Familie am Tisch gesessen, gefeiert und gegessen. Das ist doch bitter, unbegreiflich, versetzt einen Stich in die Magengegend, lässt die Tränen aufsteigen. Jahrzehnte später sollte ein Christ folgende Zeilen schreiben, um seinen Mitchristen Mut zu machen: „Wir haben in Jesus Christus jemanden, der mit uns mitleiden kann.“ (nach Hebräer 4,15; 12,2), der uns versteht, weil er es selbst erlebt hat. Wenn es euch also schlecht geht, ihr verletzt seid, von Freunden verraten, verlassen und verleugnet, dann wendet euch an ihn: Betet! Genau diesen Ratschlag hat Jesus auch seinen Jüngern gegeben. Noch im Garten Gethsemane hat er zu ihnen gesagt: Betet!

Jesus will unser Freund sein und bleiben – für immer. Deshalb gilt diese Aufforderung noch heute: Betet! Denn Ihr seid nicht allein.

Dazu segne uns Gott an diesem Gründonnerstag!

Es grüßt Sie und Euch herzlich, Pastorin Sabine Bohlen.

 

Gedanken zum Karfreitag

Angedacht – zum Karfreitag 2020 (10. April 2020)

Woran denken Sie, denkt Ihr, wenn Ihr ein Kreuz seht? Denkt Ihr daran, wofür es steht? Für Leid, Qual, Tod? Fallen Ihnen all die Schicksale ein, die Leid tragen, Schmerzen haben und Angst um ihre Leben? Denken Sie, denkt Ihr an die Menschen in unserem Land, die von einem Tag auf den anderen durch Unfall oder Krankheit ihre Gesundheit verlieren, die von denjenigen, denen sie vertrauten, verraten werden, die verleumdet werden oder gemobbt, deren Ehen zerbrechen, die auf brutale Weise ihre Kinder verlieren müssen – Leiden ohne Ende mitten unter uns, auch hier in Wiesmoor. Ich denke aber auch an all die Menschen in Kriegs- und Krisengebieten weltweit. Ich denke auch an die vielen Flüchtlinge in unserer Welt, die alles aufgeben mussten, was ihr Leben ausmachte: ihre Heimat, ihre Häuser, ihre Arbeit, Angehörige.

Leiden und Schmerzen, die Jesus ertragen hat, für uns – so glauben wir Christinnen und Christen es. Konsequent ist Jesus den Weg der Menschlichkeit gegangen, den Weg der Gerechtigkeit, der Wahrheit und des Friedens. Letztlich führt uns jedes Kreuz zum Karfreitagsgeschehen: Jesus auf Golgatha, auch Schädelstätte genannt. An diesem Ort hat Jesus schon ein großes Stück seines Leidensweges hinter sich, aber das Schlimmste steht ihm noch bevor. Zusammen mit zwei weiteren Verurteilten wird Jesus gekreuzigt, der eine rechts, der andere links von ihm. In dieser bitteren Leidensszene am Kreuz steht auch bei Jesus: Angst, Schmerz, Verzweiflung, Traurigkeit, Ohnmacht und Verlassenheit. Gerade in dieser Lebenssituation und angesichts des nahen Todes stellt Jesus die verzweifelte Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

So einsam und gottverlassen, so verzweifelt und traurig können auch wir uns in den verschiedensten Situationen unseres Lebens fühlen. So sinnlos uns solche Situationen oft erscheinen und so hilflos wir uns manchmal auch fühlen, wir müssen Leiden und Krankheiten aushalten, so wie Jesus das bittere Leiden am Kreuz aushalten musste. Es gibt Situationen, in denen wir nicht einfach die Augen verschließen oder weglaufen können. Genau das musste Jesus erfahren. Und genau in diesem Punkt berühren sich die Erfahrungen Jesu eng mit unseren Erfahrungen.

Welche Kreuze wurden Ihnen und Euch im Leben schon auferlegt? Welche Lasten, vielleicht auch Altlasten, drohen Sie, drohen Euch zu erdrücken und dennoch müssen Sie, müsst Ihr sie tragen? Da sind vielleicht Bilder in Ihnen, die Sie nie wieder loswerden und Ohnmachtsgefühle, die Sie auch heute noch überrumpeln. Wenn Sie, wenn Ihr einen lieben Menschen verloren habt und vom Tod erfahren habt und Euch nicht mehr verabschieden konntet. Wenn Sie sich zerstritten haben mit Ihrer Familie, mit Ihren Eltern oder Geschwistern und nun kein Lebenszeichen mehr von ihnen kommt. Wenn Ihnen der Kontakt zu Ihren Kinder oder Enkelkindern versagt wurde und Sie schreiben und es kommt nichts zurück. In solchen Situationen kommen auch Sie, kommt auch Ihr Euch hilflos vor und verlassen und stellt Euch vielleicht auch verzweifelt die Frage: Warum nur? Warum? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? So sehr wir uns auch nach den schönen, frohen und erfüllten Lebenszeiten sehnen, so gibt es sie unausweichlich: Leidens- und Krankheitszeiten, Krisenzeiten – wie gegenwärtig die Coronakrise, die wir auf uns nehmen und tragen müssen wie ein Kreuz.

Eine Legende erzählt: „Die Menschen waren mit ihren Kreuzen unterwegs. Sie mühten sich ab mit ihrer schweren Last. Doch einem war sein Kreuz zu lang. Kurzerhand sägte er ein gutes Stück ab. Nach langer Pilgerschaft kamen alle an einen Abgrund. Keine Brücke führte in das Land, das ewige Freude und Gottes sichtbare Nähe versprach. Alle legten nach kurzem Zögern ihre Kreuze über den Abgrund. Und siehe: Sie passten gerade. Der aber sein Kreuz abgesägt hatte, um es leichter zu machen, stand nun betroffen und verzweifelt.“

Diese Legende zeigt, dass wir nicht glücklich werden, nicht froh werden können, wenn wir unser Leid verdrängen, es leichter machen wollen, als es ist oder gar davonlaufen. Die Erfahrung zeigt: Das Leid holt uns ein. Vielleicht ist es so manchem von Ihnen, von Euch schon so gegangen. Trotz mancher Grenzerfahrungen kann uns das Tragen des Kreuzes jedoch einen Sinn, neuen Lebensmut, Erfahrungen der Hoffnung angesichts des Leidens erschließen. Manchmal wird uns das erst im Nachhinein bewusst. Es ist wichtig, den eigenen Schmerz wahrzunehmen und die eigenen Verletzungen. Wichtig ist es auch, über unsere Leiden und Traurigkeiten zu sprechen.

Die Passionszeit erinnert an all die Leiden Jesu und zeichnet mit dem Karfreitag den äußersten Tiefpunkt des Lebens- und Leidensweges Jesu, nämlich: Tod, Ende, Aus. Doch folgt auf Passion und Karfreitag auch Ostern. Und dann bleibt das Kreuz für uns nicht mehr allein ein Zeichen, ein Symbol des Todes. Dann kann es auch ein Zeichen der Hoffnung und ein Symbol für neues Leben sein.

Gottes Segen wünsche ich Ihnen und Euch!

Es grüßt herzlich, Pastorin Sabine Bohlen

Andacht zum Ostersonntag 2020

Angedacht – zum Ostersonntag 2020 (12. April 2020)

 

Der Engel sprach: nun fürcht` euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find´t ihr nicht. Halleluja, Halleluja, Halleluja. Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt seht, wo er gelegen hat. Halleluja, Halleluja, Halleluja.“ (Evangelisches Gesangbuch 103, Strophen 3 und 4)

 

Die Osterfreude stellt sich nicht von selbst ein, sie will uns zugesagt werden. Und auch der Osterglaube braucht immer wieder die Zusage, dass Jesus Christus auferstanden ist. Ohne den Engel, der uns das im Osterevangelium (Markus 16, 1-8) sagt, könnten wir nicht glauben. Und ohne die vielen Engel, die uns in unserem Leben begleiten, könnten wir nicht die Kraft der Auferstehung in unserem Alltag erleben. In jedem „ich liebe dich“ und in jedem mutmachenden Zuspruch nehmen wir teil an der Ostererfahrung. Geliebt und geachtet zu sein, trotz allen dunklen und schweren Seiten in uns – hier wird konkret, dass das Leben den Tod überwindet und die Liebe mächtiger ist als die destruktiven Mächte in unserer Welt.

Welcher Engel wird wohl kommen, der den Stein vom Grabe hebt?“ – die drei Frauen, die sich am frühen Sonntagmorgen aufmachten, waren noch ganz mit dieser Frage beschäftigt: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Aus ihrem Herzen hatte die Osterfreude noch nicht die Schatten der Trauer vertrieben. Der Schmerz des Verlustes ist ihren Gesichtern noch anzusehen. Sie haben am Freitag noch bei Jesus gestanden, als er am Kreuz hing. Sie hatten seinen grausamen Tod miterlebt. Sie hatten bei ihm ausgeharrt, als die Jünger schon längst geflohen waren. Nun hatten sie wohlriechende Öle mitgebracht, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren, wie es üblich war. Es war gut, sich an die alten Bräuche zu halten, statt in untätige Depression zu verfallen. So konnte man wenigstens die bekannten Liebesdienstes tun und den Verstorbenen salben – es war ja das Letzte, was man für Jesus tun konnte. Aber wer sollte für diese drei Frauen den Stein von des Grabes Eingang wegrollen?

Ein Stein – Symbol für das Leblose – wird zum ersten Hindernis auf dem Weg von der Trauer zur Freude. Wie die Frauen brauchen auch wir jemanden, der den Stein vom Grabe wegrollt. Denn auch unsere Osterfreude ist oftmals wie unter einem Stein verborgen.

Als die drei Frauen ihren Blick erhoben, wurden sie gewahr, dass der Stein schon längst weggerollt war. So ist das manchmal mit den Steinen in unserem Leben, die groß und schwer zu sein scheinen. Bei näherem Hinsehen sind sie gar nicht mehr so groß und manchmal sind sie schon längst weggeschoben. Aber obwohl der Stein vom Grabe weggerollt war, wollte sich bei den drei Frauen noch keine Freude einstellen. Stattdessen bekamen sie es mit der Angst zu tun. Und als sie im Grab den Leichnam Jesu nicht fanden, muss ein fürchterlicher Verdacht die Trauer um den Tod Jesu noch verstärkt haben: der Leichnam schien geraubt worden zu sein. Es reichte nicht aus, dass die Römer Jesus hingerichtet hatten, nun musste noch das Grab geplündert und der schwer geschundene Körper weggeschafft worden sein. In ihrer Verzweiflung konnten die drei Frauen die Worte des Jünglings mit weißen Gewändern gar nicht verstehen: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“ Es ist ja auch schwer zu verstehen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Eigentlich kann man es auch gar nicht fassen, denn die Auferstehung Jesu läuft den Gesetzen dieser Welt zuwider, nach denen der Tod auf das Leben folgt und nicht das Leben auf den Tod. Dass Jesus auferstanden ist, kann man nicht verstehen. Man kann es aber glauben und man kann immer wieder an der Macht der Auferstehung teilhaben. Gott möge uns einen Engel schicken, der den Stein von unseren Herzen wälzt, damit wir glauben können, was an Ostern geschah.

Die drei Frauen konnten den Worten des Engels noch nicht glauben. Statt sich zu freuen, flohen sie aus dem Grab mit Zittern und Entsetzen. Noch hatte sie die Osterfreude nicht ergriffen.

 

Ein gesegneten Ostersonntag wünscht, Pastorin Sabine Bohlen.

 

 

Angedacht – zum Ostermontag 2020 (13. April 2020)

Es ist manchmal gar nicht leicht, umzuschalten und sich von der Trauer zur Freude führen zu lassen. Die schwermütigen Gedanken verdunkeln noch wie Nebelwolken den Sinn, die traurigen Erinnerungen bleiben noch lange im Gedächtnis haften. Deshalb ist es gut, wenn wir uns Zeit nehmen auf dem Weg zur Freude, denn Trauer muss verarbeitet und bearbeitet werden. Sonst bleibt die Freude oberflächlich, wirkt unnatürlich und aufgesetzt. Zwischen Dunkelheit und Licht liegt ja auch die Zeit der Dämmerung, in der die Nacht ab und der Tag langsam zunimmt. Und so braucht es auch seine Zeit, bis die Freunde Jesu begreifen können, dass er nicht im Tod geblieben ist, sondern auferstanden ist und lebt.

Wie lange es braucht, von der Trauer zur Freude durchzudringen, zeigt uns die Erzählung von den zwei Jüngern, die sich am Ostertag auf den Weg machen von Jerusalem in das nahe gelegene Dorf Emmaus. Tief traurig über den Tod Jesu, erschreckt sie die Nachricht der Frauen über das leere Grab. Noch können sie dieses Zeichen der Auferstehung nicht deuten, noch können sie nicht daran glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Und so kann auch noch lange nicht die Freude die Traurigkeit besiegen.

Die zwei Jünger können nicht mehr untätig warten an dem Ort, an dem das Unfassbare geschehen war. Sie wollen nicht wahrhaben, was geschehen ist und zugleich müssen sie etwas tun, und sei es nur einen Weg unter die Füße zu nehmen. Deshalb brechen sie auf und verlassen den Ort der Trauer. Der gleichmäßige Rhythmus der Schritte tut ihnen gut, er hilft ihnen, ihre Gedanken zu ordnen und schließlich in Worte zu fassen. Und so kommen die beiden miteinander ins Gespräch, sie sprechen von ihren enttäuschten Erwartungen und uneingelösten Hoffnungen. Mit ihren Worten gehen sie noch einmal die einzelnen Schritte Jesu ans Kreuz mit, sprechen über die Stationen seines Kreuz- und Leidensweges. Es tut ihnen gut, miteinander darüber zu reden, so wie es allen Menschen gut tut, die Trauer zu teilen und gemeinsam mit anderen zu tragen. Es hat fast eine heilende Wirkung, den Bann des Schweigens zu brechen und Worte zu suchen für das, was den Hals wie zugeschnürt sein lässt.

Während die beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus miteinander über das reden, was sie an Schwerem erlebt haben, gesellt sich ein Dritter zu ihnen. Es ist der Auferstandene; doch in ihrer Trauer sind ihnen die Augen gehalten und sie erkennen ihn nicht. Als sei er ein Fremder, fragt Jesus, über welche Dinge sie sich denn unterhalten und von wem sie reden. Und wieder suchen sie nach Worten, sprechen von ihrer Trauer und den enttäuschten Plänen. Sie sprechen von Jesus, von dem sie glaubten, er sei es, der die Welt erlösen würde. Und zuletzt sprechen sie davon, wie sie die Nachricht der Frauen erschreckte, die am Morgen am Grab waren und den Leichnam nicht finden konnten.

Es tut gut, sich jemanden anzuvertrauen. Es ist gut, dass Jesus immer wieder nachfragt. Und so fangen sie an, im Laufe des Gespräches dem Leiden eine Bedeutung abzugewinnen. Und auf einmal können sie verstehen, was der vermeintlich Fremde zu ihnen sagt: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“

Der Fremde hatte den beiden Jüngern geholfen auf ihrem Weg der Trauer zur Freude. Durch ihn konnten sie den dunklen Erinnerungen einen Sinn abgewinnen und wurden allmählich bereit, auch wieder der Freude Raum zu geben. Deshalb wollen sie den Fremden nicht ziehen lassen, als sie in Emmaus angekommen waren: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ (Lukas 24, 29) In der Gemeinschaft mit dem geheimnisvollen Fremden schnürt die Trauer nicht mehr den Hals zu. Jetzt können die beiden Jünger erstmals seit Tagen wieder etwas essen und trinken. Sie haben wieder am Leben Anteil, sie können schmecken und genießen. Und so kehrt allmählich die Lebensfreude zurück. Während sie essen, nahm Jesus das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen. Da erkennen sie ihn als den von den Toten Auferstandenen. Auch wenn er sich nun ihren Blicken entzieht, erkennen sie, dass das Leben stärker ist als der Tod.

Nun begreifen die beiden Jünger den Sinn des leeren Grabes. Sie können dieses Zeichen deuten, wie sie im Brechen des Brotes erkannten, dass Jesus als Christus vom Tode erstanden ist. Nun können sie sich freuen, ohne die dunkle Erinnerung zu verdrängen. Die Freude ist so groß, dass sie das Leid aufheben kann, wie das Licht die Dunkelheit in sich aufnimmt. In ihrer Freude können die Jünger umkehren und den Weg zurückgehen, den sie zuvor gegangen waren. Sie können wieder den Ort betreten, den sie eben noch verlassen zu müssen meinten, die Stätte der Trauer und der Verzweiflung. Und dieser Weg erscheint ihnen wie eine Rückkehr ins Leben, wie eine Heimkehr aus der Dunkelheit an den Ort des Lichtes.

Die beiden Jünger haben sich die Zeit genommen, die sie brauchten, um die Macht der Auferstehung zu begreifen und von der Trauer in die Freude geführt zu werden. Umso überzeugter können sie deshalb bekennen: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“

 

Frohe Ostern!

 

Es grüßt Sie und Euch herzlich, Pastorin Sabine Bohlen

Foto: M. Knoche 2020