Predigt WGT 2019 Sabine Bohlen

Kommt, alles ist bereit!

(c) Weltgebetstagskommiteé

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. 


Liebe Weltgebetstagsgemeinde!
Jesus ist ein gern gesehener Gast – und ein anstrengender, beides zugleich. Fängt er an zu erzählen, dann ist für alles Raum da – für fröhliche Gemeinschaft, für kühne Utopien, für die Sehnsucht nach Gottes Nähe. Aber auch für Allzu menschliches im Hier und Jetzt, für unsere menschlichen Schwächen und Abgründe. Sie werden nicht moralisch abqualifiziert, sondern in ein neues Licht gerückt, so dass Raum entstehen kann für Umkehr und Erneuerung. Seine Erzählungen sind manchmal wie frisches Wasser, dann wieder wie das Salz in der Suppe. Hatte er nicht gerade erst beim Sabbatmahl in der Runde seiner jüdischen Freunde und Freundinnen gesagt, man solle die übliche Sitz- und Rangordnung unter den Eingeladenen endlich auf den Kopf stellen? Wie Pfeffer können sie wirken, seine scharfen politischen, sozialen oder psychologischen Analysen. Das Problem an Jesus ist, dass er uns kennt. Er kennt unsere gesellschaftlichen Gepflogenheiten, unsere braven Zwänge, die uns hindern, mal etwas anders zu machen, verrückt zu sein. Statt weiter unsere Ängste zu kultivieren, mal ein paar Häppchen vom Reich Gottes auszuprobieren. Er weiß einfach, wie wir ticken. So erzählt er also ganz locker, während er beim Essen mit interessanten und einflussreichen Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen sitzt, dass man doch eigentlich ganz andere Leute hätte einladen sollen als die, die da sind. Eine Irritation für seinen freundlichen Gastgeber und alle Anwesenden! Warum will er nicht einfach, ohne großes Aufhebens, die gelehrte Diskussion mit den pharisäischen Kollegen und das gute Essen genießen? Mit scharfer Wort-Würze erzählt er stattdessen eindrücklich von diesem reichen Gutsherren, dem der Kragen platzt, als die ›feinen‹ Leute nicht zu seinem sorgfältig geplanten Festessen kommen wollen. Wie er sich dann von seinesgleichen ab- und den Armen, Versehrten, Blinden und Lahmen zuwendet. Denen, die draußen vor der Stadt leben und ohne Erlaubnis, sprich: ohne Aufenthaltsstatus gar nicht rein dürfen. Diese sollen jetzt die Gäste sein und die zuerst Eingeladenen bleiben draußen vor der Tür. Vermutlich weiß Jesus beim Erzählen schon genau, welche Fragen die theologisch Gebildeten später umtreiben werden: Sie werden komplizierte Gleichnistheorien entwickeln. Sie werden fragen, wie unser Alltagsgeschehen mit dem Reich Gottes verbunden wird. Sie werden fragen: Wer wird hier mit wem verglichen in den Gleichnissen? Und: Warum werden sie überhaupt erzählt? Was bedeuten die Metaphern? Jesus ahnte vielleicht auch schon die helle Aufregung, die sich bei den sozialkritischen Theologen einstellen würde angesichts dieses Hausherrn. Nein, das kann nicht der GOTT sein, den die Propheten verheißen! Der hat nämlich eine klare Priorität für die Armen und die Entrechteten, die hätte er natürlich zuerst eingeladen und die Reichen wären leer ausgegangen, von vornherein und nicht so notgedrungen. Andere wieder werden einwenden: Der Befreier Israels – so gemein? GOTT ist doch gnädig, nicht wirklich zornig. Das ist nicht der GOTT der Bibel! – Und wenn doch? Halten wir die Frage noch eine Weile zurück.
Stellen wir uns einen Moment vor, dass uns das genau so passieren würde. Wir haben ein Fest vorbereitet, ein richtig schönes Zusammenkommen soll es werden. Eine große Gemeindeveranstaltung oder ein bedeutendes Familienfest. Wir rechnen und kalkulieren: Was können wir uns leisten? Wir bestellen den Raum und ganz mühevoll überlegen wir die Menüfolge, die Raumdeko, den Blumenschmuck. Oh je, und dann die schwere Überlegung: Wen lade ich ein, wen nicht, wen muss ich unbedingt einladen, weil er oder sie mich doch neulich auch eingeladen hatte. Wie kriege ich die schwierigen, ungeliebten und die lieben Verwandten unter einen Hut? Wen zähle ich zu meinen besten Freunden? Dann endlich die Gästeliste, die Einladungskarten, die WhatsApp-Nachrichten und unzählige Telefonate. Und Wochen später ist es endlich so weit: Gleich werden die Tischdecken aufgelegt, die Blumen geordnet, die Kerzen angezündet. Die Unruhe im Herzen, ob sie denn kommen und wie es sein wird, wenn ...? Obwohl, wir hatten ja telefoniert: Ihr kommt doch, oder? Und dann? Ein, zwei sind immer dabei, die ausfallen. Ihr Gesicht wird fehlen, ihr Lachen, ihre Anekdoten. Sie konnten nicht kommen, sie wurden plötzlich gehindert, zu krank, der Mann kann nicht allein gelassen werden, beruflich überfordert, die Kinder zu klein, selbst zur Kur, im Urlaub, eine Freundin hat geheiratet, der Bruder ein Segelboot gekauft, das ausprobiert werden muss, oder noch schlimmer: das Ehrenamt in der Gemeinde oder im Sportverein. Es war eben etwas Anderes dringlicher, wichtiger. Moment mal: Da war etwas wichtiger als ich? Ein Stich im Herzen schon bei den beiden – aber was erst, wenn alle nicht kommen? Trotz der Einladungskarte, der Emails und all ihrer Zusagen? Dann sitzt du da mit denen, die mitgeholfen haben, alles zu kochen, zu schmücken und einzudecken. Ihr trinkt einen Sekt, aber der schmeckt nach Verlust. Sie kommen wirklich nicht, sie lassen sich wort-reich entschuldigen: Vielleicht ein anderes Mal, du hast doch Verständnis, oder? Du denkst nach über Konventionen und Höflichkeit. Du fragst dich: Was habe ich falsch gemacht? Es sticht einfach im Herzen. Enttäuschung und Ärger wachsen und werden zu Wut. Das Essen ist vorbereitet, aber niemand kommt. Und wir – wir wollen doch unbedingt feiern! Und was wäre, wenn dann einfach dasselbe passiert wie in dem Gleichnis: Dass wir die Gewohnheiten hinter uns lassen und unsere Enttäuschung in Ideen, Wut in Mut umwandeln. Wenn du aufspringst, deine Freundin bittest mitzuhelfen und sie einfach einlädst, die Anderen? Die, die noch nie bei Deutschen zu Gast waren? Oder solche, die gar nicht wissen, wie man sich benimmt an so einem gedeckten Tisch mit Silberleuchtern und verschiedenen Bestecken rechts und links? Die, die krank sind oder behindert, sich deshalb gar nirgendwo mehr hintrauen, weil jemand den Urinbeutel sehen könnte oder weil sie Hilfe brauchen bei allem und jedem? Oder solche, die gar nicht mehr eingeladen werden, weil sie schlecht gekleidet sind, nicht gut riechen oder so viele laute und unerzogene Kinder haben? Und du gehst los und lädst ein, deine Freundin geht mit. Die Eingeladenen zögern, manche aber sagen zu und du merkst: Es ist immer noch ganz viel Raum da! Das Essen wird noch für weitere Gäste reichen und du gehst noch einmal los. Das, was passieren wird, hast du nicht mehr in der Hand, du hast es losgelassen, du wirst neugierig. Dir ist nicht mehr wichtig, dass alles klappt, nicht mehr, dass du Geschenke bekommst und man noch jahrelang über die teuren Weine redet. Es ist nicht mehr deine wichtigste Frage, was die Leute von dir denken. Und sie kommen, die Anderen, und betreten zögernd dein gastliches Haus, nicken sich unsicher zu und machen sich miteinander bekannt. Und zwei Familien aus Syrien und junge Männer aus Eritrea haben Speisen aus ihrem Land mitgebracht: »Wir hatten gedacht, es ist gut, so etwas dabei zu haben.« Sie können ja nicht ahnen, dass sie wie Ehrengäste am Tisch sitzen mit den anderen, den sogenannten Kranken und Behinderten aus ihrer Stadt. Unsicher suchen sie sich ihren Platz, es ist unklar, wer wo sitzen soll. Kein Oben, kein Unten, keine Bevorzugung, keine Benachteiligung. Das Essen kommt, der Wein, das Wasser, sie greifen zu, die Blicke begegnen sich, die Zungen reden in verschiedenen Sprachen. Und du staunst als Gastgeberin über das, was geschieht. Dein Fest ist ganz anders geworden als geplant. Die Gäste machen das Fest aus, die Gesichter, das Lachen, ihre Dankbarkeit. Du hast plötzlich das Gefühl, GOTT selber sitzt am Tisch, du bist beschämt, dass du nicht gleich daran gedacht hast, genau diese Menschen einzuladen. Was ist mit deiner Wut geworden gegen die Freundinnen und Verwandten, die nicht erschienen sind? Was wird sein, wenn sie plötzlich doch vor der Tür stehen. Wirst du sie hereinbitten? 
Warum nur erzählt Jesus die Geschichte? Und wer sind wir darin? Welchen Platz sollen und wollen wir einnehmen? Wollen wir wirklich so ein Ersatz-Gast, so eine Nachberufene sein? Eine, die nur kommen soll, weil die anderen keine Zeit oder keine Lust hatten? Haben wir überhaupt eine Platzkarte an diesem Tisch? Gehören wir dazu, sind wir drinnen oder draußen? Wie ist es mit unseren Zuschreibungen und Erwartungen? Jesus erzählt vom Reich Gottes – und er erzählt vom Alltag, so wie er ihn erlebt. So wie auch wir ihn kennen. Wir laden die ein, die wir immer schon eingeladen haben und die uns gegen-einladen. Was aber ist, wenn der Gastgeber doch etwas von GOTT darstellen soll? Von GOTT, der wütend wird, wenn wir seiner Einladung zum Fest nicht folgen, etwas Anderes wichtiger finden als die Gemeinschaft mit ihm, unsere Alltagsgeschäfte bedeutsamer, als satt und glücklich zu werden in seiner Nähe? Jesus erzählt von Freude und Enttäuschung. Der Gastgeber will unbedingt feiern. Auch Jesus will feiern und alle an seinem Tisch haben, die Ausgegrenzten, die Armen, die Kinder, die Kranken. Die Letzten werden die Ersten sein – das ist Verheißung! Ich höre darin Gottes Zuspruch der Vergebung für unsere Sünde, für die Enge, die uns festhält. Ich höre zugleich ihren kräftigen Anspruch auf unser ganzes Leben. Diese Reich-Gottes-Speise ist feste Nahrung, nicht leicht zu kauen, nicht sofort verdaulich, aber sie macht satt und bringt frohe Befreiung, um für Gerechtigkeit aufzustehen. Sie macht Lust auf mehr Schmecken und Sehen ...Welchen Platz habe ich in der Geschichte? Bin ich die Gastgeberin, die wartet und hofft und enttäuscht wird und dann neue Menschen einlädt? Bin ich eine nachträglich Eingeladene, die kaum glauben kann, wirklich gemeint zu sein, und sich unversehens in einem bunten und fröhlichen Fest wiederfindet? Oder bin ich eine von denen, die abgesagt haben: Da kam was dazwischen, so wichtig kann so eine Einladung auch wieder nicht sein. – Dann aber habe ich mich besonnen, mein wichtiges, andere Verabredung abgebrochen, bin zur Tür geeilt und habe angeklopft. Wird mir aufgemacht? Ich warte. 
Die Erzählung eröffnet neue Möglichkeiten in der Wirklichkeit. Jesus sieht viel mehr Wege als ich. Er erzählt, wie das geht, Grenzen zu verrücken und Konventionen zu verändern. Ich begreife, dass ich so ganz und gar auf Gottes Gnade angewiesen bin. Ich stehe vor der Tür. Ich weiß ja: er will unbedingt feiern. Ich fange an zu rufen nach diesem DU. Ob die Tür sich doch öffnet? Amen