Sommerkirche 2018 Marcadsmoor P´in Sabine Bohlen

Sonntag, 26. Juli 2018 Sommerkirche Marcadsmoor

„Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde!

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Mit diesen Worten fordert der Psalmbeter sich selbst und uns zum Lob Gottes auf. Er tut dies nicht etwa deshalb, weil sein Leben so wunderbar unkompliziert und leicht verlaufen wäre, weil er auf der Sonnenseite des Lebens geboren ist und keine Sorgen kennt. Im Gegenteil. Wir haben im Laufe des Psalmes zu hören bekommen, dass er durchaus auch die weniger lobenswerten Seiten des Lebens kennt: Von Sünde ist da die Rede, von Unrecht und Gesetzesübertretungen, daneben von Gebrechen, also Krankheiten, und sogar vom Erleben der Vergänglichkeit, des Todes. Warum also ist es ihm dennoch wichtig, lieber zu loben, als zu jammern?

Die Theologin Dorothee Sölle, eine kritische und streitbare Persönlichkeit, die gern die Finger in die Wunden der Gesellschaft legte, verarbeitete einst in einem ihrer Gedichte die Anfrage einiger Freunde. „Warum ich Gott so selten lobe“, nannte sie das Gedicht, in dem sie zuerst darauf verweist, dass es doch auch etwas Lobenswertes geben müsse, dass sie etwas zum Loben entdecken wolle. Doch Sölle stellt fest: „Ein fabelhafter Kontrakt, er, Gott, schickt nichts, ich sehe nichts, er war schon immer stumm, ich schon immer blind, das ist die Melodie dieser Welt…

Doch mit dieser Feststellung ist die Dichterin nicht zufrieden und sie nimmt sich vor, an jedem Tag drei Dinge zu finden, für die sie loben kann und hält am Schluss des Gedichtes dies für „eine geistlich-politische Übung von hohem Gebrauchswert.“

Ich finde, das ist eine ganz typische Reaktion, eine urmenschliche. „Verdammt, ich habe gar keinen Grund zum Loben!“ Wir finden doch immer ganz leicht Gründe gegen das Loben, Gelegenheit zu jammern und zu klagen: Das Wetter – zur Zeit viel zu warm und zu trocken, der Rasen geradezu verbrannt, auf den Feldern sieht es nicht besser aus: es müsste dringend regnen und zwar nicht so ein bisschen wie gestern Vormittag und gestern Abend. Oder zu anderen Zeiten wird dann geklagt: viel zu viel Regen, viel zu nass, zu kalt oder zu windig… Oder aber auch: Die Knochen tun weh, der Rücken schmerzt…Steife Gelenke oder Muskelkater vom Sport…Permanenter Terminstress oder dauerhafte Langeweile…Ständige Besuche oder nie lässt sich jemand blicken….Sonntags früh aufstehen, um pünktlich in der Kirche zu sein oder den Tag verschlafen und nichts zustande gebracht….

Es findet sich immer ein Grund, unzufrieden mit sich und der Welt zu sein. Manche Menschen stehen schon mit diesem negativen Gefühl auf, das sie dann durch den ganzen Tag begleitet. Dabei könnte es ganz anders sein.

„Verdammt, ich habe gar keinen Grund zum Loben, und da ist natürlich Gott selbst dran Schuld, oder? Könnte mir ja auch mal einen Grund zum Loben liefern…“

Warum ich Gott so selten lobe? Die Frage machte Dorothee Sölle dennoch nachdenklich, ließ ihr keine Ruhe. Nach der ersten Abwehr schrieb sie weiter: „jetzt habe ich mir vorgenommen jeden Tag drei Sachen zu loben zu finden.“ Und, - würden Sie das auch schaffen? Nehmen wir diesen Tag heute. Finden Sie daran drei Sachen zum Loben oder eher drei Sachen zum Jammern?

Ich fange bei mir an und merke: Man kann so einen Tag durchaus von ganz verschiedenen Perspektiven sehen: ich kann mit Fug und Recht sagen: „Was habe ich heute wieder einen Sonntagsstress! Erst muss ich die Predigt in einen Gottesdienst halten, dann noch mit zur Teetafel, danach ein Trauergespräch, und dann schnell nach Hause, um Essen zu kochen, denn meine Familie möchte mittags Essen auf dem Tisch haben. Echt stressig!“ Ich könnte aber genauso gut sagen: „Mein Gott, habe ich es heute gut! Erst darf ich mit Gottesdienst feiern in der wunderschönen Kreuzkirche hier in Marcadsmoor zusammen mit einem netten Kollegen. Dann bin ich eingeladen zur Teetafel ins Gemeindehaus. Ich kann mir Zeit nehmen, um den Gottesdienst nachklingen zu lassen, um mit Ihnen und Euch ins Gespräch zu kommen. Anschließend dann der Besuch bei der Familie des Verstorbenen. Ich darf ein Stück weit Anteil nehmen am Leben des Verstorbenen, der Familie und versuche, Trost zu geben, darf ein Stück weit mitgehen auf dem Trauerweg. Dann geht´s nach Hause. Den Rest des Tages werde ich mit meiner Familie verbringen, vielleicht noch einen Ausflug machen. Und das bisschen Kochen, das schaffe ich doch mit Links. Außerdem tue ich es doch gerne für meine Kinder und meinen Mann. Und vor allem, wir haben genug zum Essen. Wir dürfen satt werden.“ Sind das alles nicht Gründe genug zum Loben und Danken?

Es ist der gleiche Tag und es sind doch zwei ganz unterschiedliche Perspektiven. Warum ich Gott so selten lobe? Manchmal habe ich vielleicht einfach die falsche Perspektive eingenommen. Das muss auch Dorothee Sölle aufgefallen sein, weil sie sich plötzlich vornimmt, jeden Tag neu wahrzunehmen unter dem Gesichtspunkt, ob sie in ihm etwa Gründe zum Loben finden könnte.

„Dies ist eine geistlich-politische Übung von hohem Gebrauchswert.“ Mit dieser Feststellung endet ihr Gedicht. Können wir uns diesem Fazit anschließen? Eine Übung von hohem Wert? Was bringt es uns, eine neue Perspektive einzunehmen? Was bringt uns das Lob? Was ist es uns wert? Ich wechsele noch einmal die Perspektive, um mich dieser Frage zu nähern: In einer Tageszeitung war neulich zu lesen, dass in deutschen Betrieben viel zu selten gelobt wird. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits vor einigen Jahren erschien der problembewusste Artikel einer Marketing-Firma aus München zum Thema „Anerkennung als Instrument der Mitarbeiterführung.“ Die Autorin hat grundsätzlich festgestellt, dass Mitarbeiter, die selten gelobt werden, in der Regel nur noch Dienst nach Vorschrift machen, nicht mehr bereit sind, sich über das normale Maß hinaus für ihren Arbeitgeber zu engagieren. Sie sagt wortwörtlich: „Viele werden mut- und lustlos ohne die so lebensnotwendige Anerkennung.“ Darum rät sie der Führungsetage: „Setzen Sie öfter die Fehler-Such-Brille ab und die Lob-Such-Brille auf. Wer Gutes sucht, wird Gutes finden. Die Menschen machen viel mehr richtig als falsch. Ein Lob an der richtigen Stelle kann die Batterie eines ganzen Teams wieder aufladen. Achten Sie insbesondere auch auf die Stillen und Unauffälligen, die ihre Siege nicht lautstark zu Markte tragen! Suchen Sie aktiv nach dem Guten und loben Sie mehr!“ Und dann gibt sie noch ganz konkrete Tipps für das richtige Loben, zum Beispiel: Lob sollte zeitnah passieren und nie aufgeschoben werden; Lob sollte nie mit einem „Aber“ oder einem „Damit“ verbunden sein; Lob geschieht immer unter vier Augen und darf von da aus weiterwirken. Und schließlich bringt die Autorin sogar Beispielsätze für gelungenes Lob: „Es ist für mich immer wieder ein Vergnügen, ihre Texte zu lesen.“ „Es gibt mir ein gutes Gefühl, mich auf Sie verlassen zu können.“ „Es ist ein Glück, dass wir Sie haben, weil…“

Ich las den Artikel mit gemischten Gefühlen. Einerseits fand ich es bedauerlich, dass er überhaupt nötig ist, so detailreich nötig ist. Hat sich diese Gesellschaft so sehr vom Loben verabschiedet, dass wir regelrechte Lobvorlagen brauchen? Ist es denn gar nicht mehr selbstverständlich, dass Gutes benannt und gelobt wird? Und dann wird das Loben hier so instrumentalisiert. Die Arbeitgeber, die so geschult werden, loben doch nun gar nicht mehr um der Freude an der Mitarbeit der Belegschaft willen, sondern, um noch mehr Leistung aus ihnen herauszuholen. Das Lob wird Mittel zum Zweck. Andererseits sprachen mich viele Punkte in diesem Artikel auch unmittelbar persönlich an: Ab und an die Fehler-Such-Brille absetzen und die Lob-Such-Brille tragen, das ist doch genau das, wozu uns auch Dorothee Sölle ermuntert hat und wozu schon der Psalmbeter des 103. Psalmes aufgerufen hat. Und dass Lob die Batterien des Lebens wieder auflädt, diese Erfahrung haben wir, so vermute ich, alle schon gemacht. Lob beflügelt. Schließlich, das Lob, selbst wenn es unter vier Augen beginnt, seine Wirkung auch nach außen entfaltet, auch das ist uns vertraut. „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ – so sagte es einmal ein weiser Mensch.

Warum ich Gott so selten lobe? Manchmal habe ich vielleicht einfach die falsche Perspektive eingenommen. Seit einiger Zeit befolge ich Dorothee Sölles Vorschlag: Jeden Tag drei Gründe zu finden, um Gott zu loben. Und kann sagen: Dies ist tatsächlich eine geistlich-politische Übung von hohem Gebrauchswert.
Deshalb tut uns, wie ich finde, der Psalmbeter einen wunderbaren Dienst, wenn er uns seine aufmunternden Worte schenkt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Mögen Sie, mögt Ihr doch alle heute drei Dinge finden, die Sie, die Euch zufrieden machen und für die Sie, für die Ihr Gott von Herzen loben könnt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Kirche Marcadsmoor